Misereor Hungertuch

Heute – besser gesagt morgen – möchte ich ein für mich ungewöhnliches Experiment starten. Wie in jedem Jahr stehe ich vor der Frage, wie ich denn den Aufruf zum Fasten verstehen möchte. Almosen geben, Gebet und Fasten ist das, was wir in den kommenden Wochen vor Ostern üben sollten, um uns auf den Tod Jesu und seine Auferstehung vorzubereiten. Ich gebe zu, mich bewegt die Fastenzeit seit meiner Rückkehr zum Glauben deutlich mehr als Advent oder ähnliche Zeiten der Vorbereitung auf große Feste. Das Finale der Karwoche, beginnend mit dem Gründonnerstag, der Wache am Allerheiligsten in der Nacht, die Karfreitagsliturgie, die Stille am Samstag und die lichtdurchflutete Osternacht – das alles sind Zeiten, die man als Katholik wahrhaft miterleben, auskosten, quasi schmecken sollte. Und um das zu können, ist es sicher eine gute Idee, sich in eben dieser Fastenzeit all der Dinge zu enthalten, die diesem Erleben Gottes, dieser Begegnung mit Christus im Wege stehen.

So ist aus der Schriftlesung (man vergleiche das Evangelium des morgigen Aschermittwochs, Matthäus 6, 1-6; 16-18) abgeleitet die Tradition des Almosen Gebens, des Gebetes und des Fastens entstanden.

Almosen zu geben, dazu sind wir grundsätzlich immer aufgefordert und es obliegt jedem Einzelnen, inwieweit er mit seinen weltlichen Gütern und Talenten auch andere Menschen unterstützen möchte. Schade ist, dass es hier in der Fastenzeit vor Ostern nicht zu solchen „Spendenexzessen“ wie in der Vorweihmachtszeit kommt. Vielleicht hat das aber auch damit zu tun, dass man dem Begriff des „Almosens“ an sich kritisch gegenübersteht – schlileßlich gibt man doch nur, was dem Anderen, weniger begünstigten, eigentlich zusteht? Ich will mich aber nicht an den Begriffen aufhalten sonder kann nur jeden – und mich gleich mit – auffordern, zu überprüfen, inwieweit er sich in der Lage sieht, in dieser Zeit auch etwas für andere zu tun. Egal ob reich oder arm, niemand hat keine Talente von Gott erhalten, sodass er nicht auch etwas für andere tun könnte.

Und selbst ohne Geld und vielleicht krank und ans Bett gefesselt, bleibt doch eines, was man tun kann: das Gebet! Nun sehe ich das Gebet in der Fastenzeit eher als Möglichkeit, sich mit Gott und seinem menschlichen Leben intensiver auseinanderzusetzen: Gebet und Meditation als Einheit! Das muss uns aber nicht davon abhalten, für diejenigen zu beten, die uns am Herzen liegen oder doch am Herzen liegen sollten. Wir alle sind vor Gott Sünder und haben das „Glück“, dass Gott so barmherzig ist und immer wieder auf uns zukommt. Und so dürfen wir um Vertiefung unseres Glaubens beten, auch darüber meditieren, aber dieses Gebet genauso unseren Nächsten widmen: Warum also nicht für den Glauben den ungläubigen Kollegen oder Nachbarn beten? Wieso nicht um die Vergebung der Sünden derjenigen beten, die uns Übles wollen?

Und über alles das nicht zu sprechen, es nicht so zu tun wie die Heuchler, die ihren Lohn für ihre guten Taten schon in dieser Welt haben wollen, sondern es zurückhaltend, im Stillen zu tun, weil es uns unser Vater, der das verborgene sieht, vergelten wird, das kann auch eine gute Fastenübung sein. Meist wird das Fasten ja einfach gleichgesetzt mit dem was man im Rest des Jahres Diät nennt: weniger essen, weniger Fett, weniger Süßigkeiten, kein Alkohol, kein Fleisch etc. Eigentlich geht es aber beim Fasten als erstes darum, zu erkennen, was mich von Gott fernhält und mich eben von diesen Dingen fernzuhalten. Und das sind von Person zu Person ganz unterschiedliche Dinge. In der westlichen Welt ist der Überfluss an Speisen und Genüssen sicher ein Hindernis zu Gott. Man würde es heute nicht mehr so nennen, aber wenn der Papst, damals noch als Kardinal, in seiner „Einführung zum Christentum“ über die Anbetung des Brotes, der Macht und der Sexualität als alte und neue Götterbilder schreibt, dann trifft das auch heute zu. Und selbst „Diät zu halten“ kann in dieser Art zu einem Gottersatz führen: man räumt dem Essen oder eben dem Nichtessen eine Priorität ein, die nur Gott zukommt. Sich von diesen Genüssen fernzuhalten, kann also eine gute Idee sein, wenn sie uns an unserem Zugang zu Gott hindern oder der Verzicht uns zu Gott führen kann.

Aber das sind nicht die einzigen Dinge, die uns von ihm trennen, und wie ich schon sagte, es sind wohl bei jedem anderen Themen, mit denen der Teufel einen Fuß in die Tür bekommt. Wer selten Süßes oder Fleisch isst, daran auch nicht hängt und leicht darauf verzichten kann, der fastet nicht im engeren christlichen Sinn. Es kann eine besondere Bequemlichkeit sein wie die unnötige Fahrt mit dem Auto oder dem Aufzug sein, die uns zu sehr gefällt und an der wir hängen, und der Verzicht darauf macht uns unsere Abhängigkeit bewusst und löst sie gleichzeitig. Ich selbst fahre gerne im Auto schnell und so habe ich mir vor ein paar Jahren „Geschwindigkeitsfasten“ auferlegt: notfalls früher losfahren, an alle Geschwindigkeitsbegrenzungen halten und nicht schneller als 120 km/h fahren (hat übrigens auch – wie das Fasten an Speisen – einen angenehmen Nebeneffekt: man kommt deutlich entspannter am Ziel an). Fernsehen ist ein Luxus, der heute selbstverständlich und eben auch zu einem Suchtmittel geworden ist: welches Wohnzimmer erfährt seine Ausrichtung heute nicht generell durch dieses technische Möbelstück. Fernsehfasten kann also für TV-Junkies eine gute Erfahrung sein und wenn man die gewonnene Zeit gewinnbringend nutzt, zum Beispiel durch das Gespräch oder Spiel mit der Familie oder der Lektüre geistlicher Bücher, führt einen das auch wieder näher zu Christus.

Dieser Blog nun ist in den vergangenen Wochen und Monaten recht (für meine Begriffe) erfolgreich geworden – derzeit zähle ich durchschnittlich 25 bis 30 Besucher pro Tag und freue mich, nachvollziehen zu können, dass die Besucher nicht nur über Facebook-Gruppen und Kontakte zu dieser Seite finden sondern auch über allgemeine Google-Anfragen oder von Verlinkungen auf katholischen Webseiten und Bloglisten. Wenn ich dadurch meinem Ziel – der Verbreitung der Kenntnis über den katholischen Glauben – näherkomme, so darf mich das sicher auch freuen. Aber ich erwische mich dabei, die Besucherzahlen von Monat zu Monat verbessern zu wollen, stelle fest, dass ich ab und zu eine Vorliebe für „reißerische“ Themen entwickle statt die Liebe zu Christus und unserer Kirche in den Vordergrund zu stellen. Dieser Einfluss von – nennen wir es ruhig so – Eitelkeit und Stolz tut dabei weder der Qualität des Blogs, noch mir, geschweige denn den Lesern gut. Und so habe ich mich entschlossen, die kommenden Wochen – bis Ostern – zu blogfasten (oder „blogzufasten“ … wie auch immmer), also keine neuen Beiträge einzustellen. Das wird sicher eine Prüfung für meinen persönlichen Mitteilungsdrang, aber als Informationsquelle eignen sich für jeden Leser mindestens genau so gut andere Internetseiten, die ich teilweise auch auf der linken Seite verlinkt habe. Es muss also niemand ohne Nachrichten aus der Glaubenswelt auskommen (zumal dieser Blog ohnehin nicht so sehr einen Nachrichten- sondern eher einen Kommentarcharakter hat, um mal eine weltliche Beschreibung zu nutzen).

Ich selbst verspreche mir davon, mich eben genau in dem Unterdrücken meines Mitteilungsdrangs meiner persönlichen Meinung zu üben, auch der Eitelkeit und des Stolzes über (vermeintlichen) Erfolg zu wehren … und auch, nach dieser Fastenzeit, zu oder nach Ostern, wieder mit neuer Energie Themen aufzugreifen, die zum Beispiel zur Vorbereitung auf das Jahr des Glaubens wichtig sind. Wer mag kann mich dabei insofern begleiten, als das ich vorhabe, die Zeit auch durch die Lektüre der Predigten und Schriften unseres Papstes, des Katechismus und / oder der wichtigen Dokumente des 2. Vatikanischen Konzils zu nutzen. Ich ermuntere also jeden, das auch zu tun, regelmäßig diese aktuellen Texte zu lesen und darüber zu meditieren (zum Beispiel bei ZENIT) und sich an einen geistlichen Text ranzuwagen, der schon zu lange im Bücherregal steht.

Ich wünsche also allen Lesern eine gesegnete Fastenzeit, gutes Gebet, rechte Eingaben zum Geben von Almosen und dabei eine gute Vorbereitung auf das Leiden und Sterben und die Auferstehung Christi! So werden wir am Ostersonntag mit innerer Überzeugung sagen können:

Er ist auferstanden! Er ist wahrhaft auferstanden!